· 

Auf Schmuggler-Wegen durch Hakone


Wandern & Sonne tanken in Hakone


🎶

Gib mir Sonne.

Gib mir Wärme.

Gib mir Licht.

All die Farben wieder zurück.

🎶

(Rosenstolz: Gib mir Sonne)


Letzte Woche war es endlich wieder soweit: ein weiterer Feiertag in Japan, diesmal zu Ehren des Frühlingsanfangs.

 

Japan hat ja den Ruf, dass man als Arbeitnehmer nur wenige Urlaubstage bekommt. Aber die öffentliche Wahrnehmung übersieht, dass Japan stattdessen viel mehr Feiertage als andere Länder hat. Und dass zum Beispiel Feiertage, die auf ein Wochenende fallen, am Montag nachgeholt werden. Zählt man die Urlaubstage und Feiertage zusammen, sind die freien Tage wieder auf einem durchschnittlichen weltweiten Niveau.

 

Da der Feiertag auf einen Freitag fiel, ergab sich für uns wieder eine gute Gelegenheit, Tokyo zu verlassen und das Umland zu erkunden. Diesmal haben wir uns aber ganz bewusst für einen 2-Tages-Trip entschieden, damit wir den einen Extra-Tag in Tokyo genießen können. Als Ziel des Ausflugs haben wir diesmal Hakone auserkoren, ein beliebtes Naherholungsgebiet Tokyos. Nah am Fuji gelegen und nur ca. 1 Stunde von Tokyo entfernt, bietet es einen Nationalpark, Wanderwege, Seen, heiße Quellen und vieles mehr.


Mit dem Zug unterwegs

In meinem Bericht über das Wochenende in Kyoto habe ich den Teil über die Hin- und Rückreise ausgelassen, das hole ich diesmal nach.

Nach Kyoto sind wir mit dem berühmten Shinkansen (jap. 新幹線, "neu" + "Stamm/Haupt" + "Strecke/Linie"; vielleicht sollte München seine "neue Stammstrecke" auch Shinkansen nennen?) gereist.

 

Der Shinkansen ist ja berühmt für Schnelligkeit, Pünktlichkeit und Komfort. Und ich kann alle drei Punkte bestätigen. Er fährt bis zu 320 km/h, wir haben unsere Armbanduhren nach dem Abfahrtszeitpunkt gestellt und wir haben uns auf der Fahrt sehr wohl gefühlt – mehr Beinfreiheit, mehr Platz zum Nebenmann und eine tolle Aussicht, die aber natürlich auch am Wetter lag. Zugegeben, was die Pünktlichkeit betrifft, hat es der Shinkansen auch leichter als die Züge der Deutschen Bahn, weil er eigene Gleise nutzt und dementsprechend nicht von der Pünktlichkeit der anderen Züge abhängig ist.

Als wir mit einer Japanerin, die in Deutschland gelebt hat, über die Züge in Deutschland gesprochen haben, konnte sie sich vor allem daran erinnern, dass die deutschen Zugschaffner so unfreundlich gewesen wären. Und im Vergleich zu Japan hat sie natürlich recht. Hier wird man als Fahrgast wie ein richtiger "Gast" behandelt, ein Gast, der dem Zug die Ehre erweist, ihn zu besuchen und zu nutzen.

 

Aber: Der Shinkansen aber auch extrem teuer und es gibt keine Vergünstigungen, Spar-Angebote oder Vergleichbares.


Während man in japanischen U- oder S-Bahnen nicht essen darf, gehört es in Zügen und vor allem im Shinkansen zum Ritual seine mitgebrachte Bento-Box zu verspeisen. Bento ist keine bestimmte Mahlzeit, der Begriff bezeichnet die Darreichungsform des Essens: Verschiedene Speisen werden in einer Art Kasten/Box aufbewahrt, die durch Trennwände unterteilt ist, sodass jede Speise in einem eigenen Fach ist. 

 

In jedem Supermarkt, Bahnhof oder Konbini findet man eine große Auswahl an Bentos, in unterschiedlichen Größen, zum Kalt- oder Warm-Essen, mit mehr oder weniger Fächern, ... Eigentlich kann man fast jede Art der Speise auch als eine Art Bento kaufen, z.B. ein Schnitzel mit Reis, Kartoffelsalat und Curry-Soße in voneinander getrennten Fächern. Aber traditionell besteht ein Bento aus Reis, Fisch oder Fleisch sowie verschiedenen kleineren Fächern voll (eingelegtem) Gemüse. Dadurch sind Bentos sehr abwechslungsreich und immer ein super Mittagessen.

 

Am Bahnhof in Tokyo hatten wir die Qual der Wahl und entschieden uns für diese zwei Varianten:

Auf der Rückfahrt holten wir uns eine vegetarische Bento-Box mit der Bezeichnung "Kyoto-Style":


Nach Hakone sind wir aber nicht mit dem Shinkansen gefahren, sondern mit einem "normalen" Zug. Aber auch dieser glänzte mit Komfort.

 

Das Besondere hier: Man konnte die Sitzbank um 180° Grad drehen. Wahrscheinlich ist das dafür gedacht, dass man eine 4er-Sitz-Gruppe bilden kann, z.B. als Familie. Erst dachte ich, dass das gut für Leute ist, die ungern gegen die Fahrtrichtung sitzen, aber es wäre ziemlich strange, wenn man sich einfach drehen würde und dann zwei Fremden ins Gesicht blickt.

 

Das wäre nicht sonderlich Japanisch.


Auf der Spuren der Schmuggler

Das Wandern in Hakone erinnerte mich sehr an das Wandern in Bayern oder an jedem anderen Ort auf der Welt. Hier grüßt man sich sogar auf den Wanderwegen, was ich wirklich nicht erwartet hätte.

 

Unser Wanderweg führte uns die alte Handelsstraße Tokaido (jap. 東海道 = "Osten" + "Meer" + "Weg") entlang, die Kyoto mit Tokyo verbindet. Ich weiß zwar nicht, für welche Waren dieser Weg früher genutzt wurde, aber in meiner Vorstellung wurden auf diese Weise Sake-Fässer über die Berge geschmuggelt.


Auf der Strecke kamen wir an einem Teehaus vorbei, in welchem wir auf dem Boden sitzend Amazake probierten, ein süßer, japanischer Reis-Tee – die ideale Stärkung für uns zwei Wanderer.


Das Ziel unserer Wanderung war der Ashi-See, ein schöner Ort zum Lustwandeln, Boot-Fahren oder um den Fuji zu sehen (auch wenn die Aussicht auf ihn vom Zug aus besser war). Aber der Ort war einfach perfekt, um die Sonne zu genießen und sich von der Wanderung zu erholen.


Yuba-Essen wie echte Japaner

Wenn man wie wir immer an verlängerten Wochenenden reist, sind die Ausflugsziele natürlich auch immer voll Japaner, die die gleiche Idee haben wie wir. So war auch Hakone an diesem Wochenende voller Menschen. Das Komische war, dass auf den Wanderwegen und am See sehr wenig los war, dafür aber im kleinen Städtchen sehr viel. Die Japaner lieben es einfach, zu bummeln, hier und dort etwas zu essen, aber sich nicht allzu sehr anzustrengen.

 

Im Gästehaus, in dem wir die Nacht verbrachten, wurden uns zwei Restaurants empfohlen. Das waren aber keine Geheimtipps, wie sich bald herausstellte. Während andere Restaurants das ganze Wochenende leer zu sein schienen, waren die Schlangen vor diesen beiden Orten zu jeder Uhrzeit extrem lang. Aber das bedeutete ja auch, dass es sich lohnen musste, oder? Und wenn man schon mal in Hakone ist, möchte man ja auch die Spezialitäten der Stadt probieren. Also wagten auch wir uns schließlich zum beliebtesten Tofu-Restaurant der Gegend vor. Der erste Versuch ging schief, da man uns um 13 Uhr mitteilte, dass die Wartezeit gerade 2 Stunden beträgt. Das war uns dann doch zu lange, schließlich wollten wir anschließend unsere Wanderung starten.

 

Aber wir hatten ja noch einen zweiten Tag in der Stadt. Also kamen wir am nächsten Morgen wieder. Das Restaurant öffnete um 11 Uhr, also kamen wir braven Deutschen um 10 Uhr, um die Lage zu checken. Ein paar Japaner hatten die gleiche Idee und streunten wie wir schon vor dem Restaurant herum. Da aber ansonsten noch nichts passierte, gingen wir erstmal einen Espresso trinken. Wir fanden ein kleines italienisches Café (italienisch bedeutet in Japan nicht, dass es von Italienern geführt wird, sondern dass Japaner italienische Speisen anbieten), wo wir tatsächlich in der Sonne sitzen konnten – ein sehr seltenes Vergnügen, da es (wahrscheinlich aus Platzgründen) in Restaurants oder Cafés normalerweise keine Außenbereiche gibt.

 

Um 10:30 Uhr zurück am Restaurant hatte sich schon eine kleine Menge wartenden Japaner angesammelt. Diesmal stellten wir uns dazu. Kurz vor 11 sorgte das Restaurant dafür, dass wir uns alle in einer geordneten Reihe am Ticket-Automaten aufstellten. (Klar, in Zeiten von Corona ist so ein Schlange-Stehen ohne ausreichenden Abstand irgendwie nicht die sinnvollste Handlung.) Und zack da war sie, die Wartenummer 5! Wuhu! Jeder, der mal am Bürgerbüro in München anstand, kann sich das Gefühl ausmalen, die Nummer 5 in den Händen zu halten.


Kurze Zeit später aßen wir ein ganz wunderbares, zartes Tofu-Menü. Die Speisen in diesem Restaurant bestehen alle aus Yuba (Tofu-Haut), welche aus Soja-Milch und Quell-Wasser aus Hakone hergestellt wird. Für die Hauptspezialität des Restaurants "Yuba-Don", nachdem auch das Restaurant benannt ist, wird die Tofu-Haut in Dashi-Brühe gekocht und mit Eiern vermengt. Dazu gab es "Yuba-Sashimi" und als Dessert "Yuba Zenzai", bei dem die Tofu-Haut zusammen mit einer süßen Bohnensuppe kombiniert wird.

Diese Details zum Menü habe ich übrigens alle erst beim Schreiben dieses Artikels durch Google herausgefunden. Im Restaurant haben wir einfach die Empfehlung des Hauses bestellt, ohne zu wissen, was wir da eigentlich essen. 😀 Deshalb weiß ich auch jetzt erst, welche besondere Spezialität uns ohne unsere deutsch-japanische Wartegeduld entgangen wäre ...


Zusätzlich zum ausgezeichneten Essen hatten wir eine lustige Unterhaltung mit der japanischen Restaurant-Besitzerin. Ihre beiden Kinder studieren in Deutschland und sie holte stolz ein Gemälde von Schloss Neuschwanstein aus dem Hinterzimmer hervor, um es uns zu zeigen. Was insgesamt vielleicht nur eine 10 Minuten lange Unterhaltung war, reichte trotzdem aus, dass sich die nette Dame ständig für diese "Störung" entschuldigte, dabei wäre sie ja nie auf die Idee kommen, mit uns während des Essens zu reden, sondern hat uns ja nur die Wartezeit auf das Essen verkürzt. 

 

Aus anderen Asienreisen waren wir es gewohnt, ständig und immer in Gespräche verwickelt und angequatscht zu werden. Auf Sri Lanka versuchte der indische Restaurant-Besitzer, während wir in Ruhe essen wollten, seinen 40-jährigen Sohn mit unserer (nicht existenten) zukünftigen Tochter zu verkuppeln, und in anderen Ländern liefen wir mit gesenktem Kopf, "Nein-Danke"-sagend durch die Straßen, denn wenn wir aufgeschaut hätten, wäre man uns hinterhergelaufen, um uns etwas verkaufen zu wollen.

 

In Japan erleben wir das komplette Gegenteil. In unserer ganzen Zeit hier wurden wir noch kein einziges Mal von Fremden angesprochen und bei den wenigen Unterhaltungen in Restaurants oder Bars entschuldigten sich die Japaner immer für ihre Fragen oder ihr schlechtes Englisch.

 

Bei der Unterhaltung im Yobu-Restaurant hatten wir dann nur irgendwann ein schlechtes Gewissen, weil wir den Tisch solange besetzten. Wir denken also mittlerweile schon sehr japanisch, denn in Japan bleibt man in einem gefragten Restaurant nicht noch ewig sitzen oder bestellt womöglich noch etwas, sondern macht den Platz schnell frei für andere Wartende. Auch wenn wir (glaube ich zumindest), in Deutschland genauso gehandelt hätten. 


Entspannung im Onsen

Zum Abschluss des Wochenendes besuchten wir endlich unser erstes japanisches Onsen.

 

"Onsen" ist die japanische Bezeichnung für eine heiße Quelle, aber meint mittlerweile viel mehr eine Art Thermalbad, also ein Bad, das von einer heißen Quelle gespeist wird. 

 

Für den Aufenthalt im Onsen gibt es einige Verhaltensregeln:

  1. Für Frauen und Männer gibt es getrennte Bereiche.
  2. Es ist nicht erlaubt, Badekleidung zu tragen.
  3. In den meisten Onsen wird Menschen mit Tätowierung der Eintritt verweigert, da in Japan nur Mitglieder der Yakuza (die japanische Mafia) Tattoos tragen.
  4. Bevor man in eines der heißen Bäder steigt, muss man sich auf einen kleinen Schemel setzen und ausführlich am ganzen Körper reinigen.
  5. Im Bad legt man sich häufig ein kleines Handtuch auf die Stirn, um sich den Schweiß damit abzuwischen oder den Kopf zu kühlen.
  6. Man verhält sich sehr leise. (Natürlich, wer hätte auch etwas anderes erwartet.)

Im Vergleich mit Bädern in Deutschland besucht man ein Onsen relativ kurz und schwimmt dort auch nicht. Man setzt sich lediglich für 30 oder 60 Minuten in verschiedenen Becken mit sehr heißem Wasser. Die Bäder sind aber trotzdem wunderschön aufbereitet, mit Wasserfällen, Außenbecken, Sprudelbecken, Becken mit unterschiedlicher Wassertemperatur und vielem mehr.

 

An die Hitze muss man sich gewöhnen und darf auch nicht vergessen, genug Pausen zu machen und viel zu trinken. Trotz rotem Kopf fühlten wir uns nach dem Onsen-Besuch wunderbar entspannt und bereit für unsere Rückfahrt nach Tokyo.