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Geburtstagswochenende in Kyoto


Warum Fire Ramen auch keine Lösung sind, Sake-Becher aber schon


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Irgendwann ist es zu spät,

um zu früh draufzugeh'n.

Irgendwann bin ich zu alt,

zu alt, um jung zu sterben.

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(Kummer & Max Raabe: Der Rest meines Lebens)


Geburtstagsblues

Mein Geburtstag dauert üblicherweise eine Woche. Ja, richtig gelesen, er wird nicht nur einen Tag, sondern eine ganze Woche lang zelebriert. Traditonell fängt die Geburtstagswoche am Abend vor meinem Geburtstag an, man muss schließlich gebührend reinfeiern. Dann der Geburtstag selber, die Feier am Wochenende, ein-, zweimal Kaffeetrinken mit Leuten, die nicht zur Feier kommen konnten, Essen-Gehen mit der Familie, ... Da kann schon mal ne Woche vergehen oder noch ein paar Tage mehr.

 

Meine 1. Geburtstagswoche in Japan sollte deshalb besonders schön werden. Da Japans Kaiser Naruhito praktischerweise zwei Tage nach mir Geburtstag hat und dieser Sonntags-Feiertag am Montag nachgeholt wurde, beschlossen wir, das verlängerte Wochenende in Kyoto zu verbringen. 

 

Da konnte doch eigentlich nichts mehr schief gehen ... Aber wie das so ist mit großen Erwartungen, die Enttäuschung trifft einen umso härter.

Der Tag vor meinem Geburtstag fing noch ganz gut an: mit einem Sakura Pink Mochi Frappuccino bei Starbucks.

 

In Japan beginnen langsam die Vorbereitungen auf die Kirschblüte (= "sakura"), den Höhepunkt des japanischen Kalenderjahres. Deshalb sieht man nun vermehrt Produkte oder Dekorationen in pinker oder rosa Blütenoptik. Und natürlich nutzen viele Unternehmen diese Zeit für diverse Marketing-Aktionen und Special Editions. Starbucks bietet beispielsweise für nur kurze Zeit spezielle Sakura-Kaffee-Variationen an. Und wie es sich für mich als waschechte Japanerin gehört, bereite auch ich mich mit dem Frappuccino gewissenhaft auf das Kirschblütenfest vor.


Zuhause erwarteten mich dann die Ergebnisse meines japanischen Sprachtests (JLPT), den ich im November in Dänemark geschrieben hatte. Leider fehlen mir genau 2 Punkte und somit habe ich nicht bestanden. 2 Punkte bei insgesamt 180 Punkten bei einem Test, der über 4 Stunden gedauert hat. Das hat mich wahnsinnig geärgert. Und natürlich habe ich die Schuld bei anderen gefunden, z.B. bei der Aufsichtsperson, die mich durch ihr Dazwischen-Gequatsche abgelenkt hatte. Hätte ich mich nur bei einer der unzähligen Aufgaben besser konzentriert, hätte ich bestanden. Oder hätte ich einmal anders geraten, als ich zwischen zwei Antwortmöglichkeiten geschwankt hatte. Hätte hätte Fahrradkette.

 

Ich weiß natürlich, dass ich nur über so viel Japanisch-Kenntnisse verfügte, um den Test gerade so zu bestehen und viel auf Lücke gelernt hatte. Mehr war in der kurzen Zeit einfach nicht möglich gewesen. Da muss ich dann natürlich damit rechnen, dass es auch nicht klappen könnte. Und ich hab Japanisch ja nicht für den Test, sondern für das Leben hier gelernt. Trotzdem einfach Mist, dass es so knapp war. Ich war mir doch so sicher, dass es reichen würde ... 


Gegen die schlechte Laune sollte dann mein Lieblingsessen helfen: Chili con carne! Alle Zutaten hatte ich im Supermarkt gefunden, da kann doch eigentlich nichts schief gehen. Oder doch? Beim Bohnen-Kauf hatte ich mich für die klassisch aussehenden roten Bohnen in der Dose entschieden, warum auch nicht. Leider hatte ich nicht bedacht, dass man rote Bohnen hier in Japan eigentlich immer nur als süße Bohnenpaste in Süßigkeiten zu essen bekommt. Dementsprechend waren die roten Bohnen in meiner Dose (und somit das Chili con carne) pappsüß. Es war schon irgendwie lecker, wenn man sich vorgestellt hat, dass es so gehört. Aber wenn man sich vorgestellt hat, dass ich das Salz mit Zucker verwechselt hab, schmeckte es auf einmal wieder ziemlich falsch.


Für den Geburtstags-Tag war dann ein Abendevent bei Uli in der Arbeit geplant: Abendessen und Trinken (danach bestimmt Karaoke) für alle Expats und deren Freunde und Familie. Das klang optimal! Endlich die Gelegenheit, andere Expats kennenzulernen und Freunde fürs Leben zu finden! Yieha!

 

Doch just an diesem Tag beschloss Japan, die Vorsichtsmaßnahmen wegen des Corona Virus zu erhöhen: Alle Abendevents bei Uli in der Arbeit wurden bis auf Weiteres abgesagt. Ebenso alle Veranstaltungen bei mir an der Sprachschule, wo am gleichen Tag auch eine Feier stattgefunden hätte ... 

 

Dann war also nur noch Team Muli zum Feiern übrig. Zeit für ein kleines Sake-Tasting und ein gemütliches Sushi-Abendessen. Währenddessen verpasste ich die Geburtstags-Anrufe aus Deutschland, danach war es zu spät dafür, weil der Zug nach Kyoto früh morgens abfuhr. Während ich in Deutschland noch den halben Tag Geburtstag hatte, war er dann in Japan schon vorbei. So schön das Sushi-Essen mit Uli war, der Tag unterschied sich dann nicht sonderlich von den anderen Tagen hier in Japan. 

An so einem Tag fühlt man sich dann doch ein bisschen einsam in der großen Stadt und vermisst seine Freunde besonders stark.


Kyoto-Marathon

Dafür folgten dann aber 3 Tage Kyoto!

Kurz vorweg: Kyoto ist super, aber es war auch anstrengend. Während wir in Tokyo alle Zeit der Welt haben, um uns die Stadt anzusehen, sind wir in Kyoto in den beliebten Modus verfallen: so viel wie möglich in kürzester Zeit erleben.

Nach zwei Tagen Tempel- und Schrein-Hopping konnten wir gar nicht mehr sagen, wo wir überall waren, geschweige denn uns an irgendeinen Namen der Tempel erinnern (zum Nachlesen blieb keine Zeit) oder die jeweiligen Geschichten und Besonderheiten der entsprechenden Sehenswürdigkeit richtig zuordnen. Und bei dem Mix aus Shintoismus, Buddhismus und Hinduismus (die Symbole und Rituale sind hier vogelwild vermischt) macht es uns die japanische Kultur auch nicht gerade leicht, sie zu verstehen.

 

Was hängen geblieben ist:

  1. Die Dichte an Tempeln, Schreinen, Burgen und Palästen in Kyoto ist immens. In anderen Städten und Ländern wäre nur eines dieser unzähligen Gebäuden die Hauptattraktion – in Kyoto schafft es das Gebäude vielleicht nicht mal auf die Liste der 50 wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.
  2. Japan (und besonders Kyoto) hatten im Laufe der Geschichte ein riesengroßes Problem mit Bränden. Es ist nicht mal so, dass jedes Gebäude nur einmal in seiner Vergangenheit durch einen Brand zerstört wurde, nein – eines der Gebäude war im 17 Jhdt. bereits seinem 15. Brand zum Opfer gefallen. Fast alle dieser Gebäude brannten mehrmals komplett nieder und wurden wieder rekonstruiert. Ich muss mich noch ein wenig auf Ursachensuche begeben, es kann nicht nur am verwendeten Material liegen ...

Die große Dichte an Must-Have-Sehenswürdigkeiten macht einen 3-Tages-Trip (inkl. An- und Abreise) nicht gerade entspannt: Wir hatten ein straffes Programm vor uns. Und wir reden hier nur von den Must-Haves, die ich aus drei verschiedenen Quellen zusammenstellte. 

 

Doch zum Zeitpunkt der Planung hatten wir noch nicht bemerkt, wie sehr die letzten Wochen dann doch an unseren Kräften gezehrt hatten: in fremder Umgebung arbeiten bzw. zur Sprachschule gehen und sich bewerben (ich warte übrigens immer noch auf die Rückmeldung), jeden Abend nachdenken, was man unternehmen soll, was man essen oder kochen soll (und wie und wo man dafür einkauft), die Wohnung einrichten, darüber nachdenken, wie der Corona Virus Japan in den nächsten Monaten verändern wird, was aus unserem Sozialleben wird usw. Ein paar Existenzängste noch oben drauf und und und.

 

Von der Wir-haben-uns-noch-nie-im-Leben-so-entspannt-gefühlt-Haltung unserer ersten 2 Wochen in Tokyo war Samstagabend in Kyoto nichts mehr zu spüren. Wir waren k.o., gereizt, genervt, übermüdet, nicht mehr aufnahmefähig. Und diese fehlende Energie hätten wir an dem Wochenende dringend benötigt. Wir wollten doch mehr als nur Sehenswürdigkeiten abhaken, indem wir ein Foto davon schießen.


(Mental) Pictures

Es folgt mal wieder ein "Einerseits-Andererseits-Monolog":

 

Einerseits will man nicht wie diese Touris sein, die alles nur abfotografieren, statt es sich anzusehen. Man will es lieber erleben und im Gedächtnis statt nur in der Kamera speichern. Mein Freund Fabian hat mir das "Mental Picture" beigebracht: sich den Moment (die Umgebung mit all seinen Gefühlen) ganz dolle bewusst ansehen und dann im Gedächtnis verankern (ich zwinker dazu immer einmal fest). Ist ja viel besser, als das ständige Suchen nach dem perfekten Foto-Moment.

 

Jetzt kommt das Andererseits: Ein paar Fotos will man dann ja schon haben. Zur Erinnerung. Für den Blog. Für Instagram. Als Gedächtnisstütze für das Mental Picture. Und diese Fotos sollen dann natürlich schon möglichst perfekt sein ...

 

Und dann steht man da in Kyoto zwischen all den anderen Touristen und wartet genervt, bis einer der berühmten Torii-Gänge (Tausende von orange-roten Toren hintereinander) des Schreins "Fushimi Inari-Taisha" endlich mal frei von anderen Menschen ist, damit man auch ein schönes Foto machen kann. Irgendwann denkt man sich, "ach ist doch egal, es geht ja nicht ums Foto" und will weiterziehen. (O-Ton Uli, Achtung Wortwitz: "Wir sind ja keine Torii-Touris.") Just in dem Moment ist der Platz gerade frei und man denkt sich: "Na gut, dann eben doch noch schnell". Also schnell hin, Pose finden, lächeln und zack, kommt wieder jemand um die Torii-Kurve ... Ahhhh! The struggle is real!

 

Aber hey, ein paar Fotos sind was geworden und deshalb zeige ich sie euch auch – der Aufwand soll sich ja gelohnt haben:


Touri-Ramen

Genauso dann die Fire Ramen. Wir wussten, in Kyoto gibt es ein Ramen-Restaurant mit dem Namen "Menbake", wo die Ramen-Suppe am Tisch angezündet wird – "für das besondere Rauch-Aroma". 

Und wenn man dann schon mal in Kyoto ist, muss man da doch auch hingehen, oder? Das Restaurant kommt schließlich in jeder Reportage über "Crazy Japan" vor. 

Halterungen fürs Smartphone
Halterungen fürs Smartphone

Das Restaurant hat das Touri-Erlebnis scheinbar perfektioniert: Es hängen überall Halterungen entlang der Tische, in denen die Smartphones der Gäste befestigt werden – damit jeder die spektakuläre Feuer-Show als Erinnerungsvideo direkt aufs Handy erhält.

Ja, die Show war auch gut, aber die Ramen war die schlechteste, die wir bisher in Japan hatten, im Restaurant saßen nur Touris und richtig wohlgefühlt haben wir uns auch nicht.

Im Handy-Speicher bleibt also das Video und Picture der spektakulären Feuer-Ramen, damit wir alle damit beeindrucken können, wie crazy das Leben hier doch scheinbar ist – im Gedächtnis bleibt das "Mental Picture" von einem enttäuschenden Abendessen.


Übernachten im Ryokan

Aber hey, danach ist man immer schlauer und manches muss man halt einfach ausprobieren.

Auch unsere Unterkunft sollte ein Erlebnis werden: Deshalb nächtigten wir klassischerweise in einem Ryokan (jap. 旅館 = "Reise" + "Gasthaus/Halle"), einem traditionell eingerichteten japanischen Hotel. Dort sind die Zimmerböden mit Tatami-Matten ausgelegt, die Shoji (Raumtrenner) bestehen aus Washi (handgeschöpftem Papier) und man schläft auf Futons. 

 

Und puh, ihr dürft aufatmen: Diesmal waren wir mit unserer Entscheidung mehr als glücklich!

Der schlichte, einfache Raum strahlte etwas Beruhigendes, Entschleunigendes aus.


Am Philosophenweg entlang

Den 3. und letzten Tag in Kyoto gingen wir dann ebenfalls entschleunigter an: Der Spaziergang bei Sonnenschein entlang des Philosophenwegs tat uns wahnsinnig gut und wir fanden am Wegesrand in einer kleinen Keramik-Werkstatt zwei wunderschöne handgefertigte Sake-Becher, genau solche, nach denen wir schon die ganze Zeit gesucht hatten. Na gut, eigentlich sind es Tee-Becher und ein bisschen zu groß für Sake. Aber als wir den "Künstler" fragten, ob sie auch für Sake verwendet werden können, antwortete er mit "O-Sake? Daijoubu!" (= Okay), unterstützt mit der typischen Daumen-hoch-Gestik.

Durch den Spaziergang und eine ganz einfache (ohne Feuer) zubereitete, aber unglaublich leckere Ramen wieder zu Kräften gekommen, beschlossen wir, den Rest der Geburtstagswoche zu verschieben.

Denn auf dem weiteren Programm standen noch: den Film "Lost in Translation" anschauen, in der berühmten Bar aus dem Film (die "New York Bar" im 52. Stock des Park Hyatt Hotels) zu speisen sowie das "Digital Art Museum" zu besuchen.

 

Aber wie alles in Tokyo läuft uns das nicht weg. 

 

Unser neuer Plan lautet: den Druck rausnehmen, zur Ruhe kommen, langsamer machen.